Videokonzert von Heavenly Wood

Von Dr. Barbara Neumeier

Das Ensemble „Heavenly Wood“ präsentiert Alte Musik auf historischen Blasinstrumenten. Unter dem Titel „Kämpfen - Feiern – Lieben“ erklingt Bläsermusik der Renaissance.

„Kämpfen - Feiern – Lieben“ - Bläsermusik der Renaissance

Interpreten sind die MusikschullehrerInnen Bernhard Stilz, Esther Klein, Dr. Barbara Neumeier sowie Miriam Grapp, Corinna Richter, Christian Balser und Guilhem Kusnierek.

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Das Programm:

Claudio Monteverdi: Mantua Toccata aus „L’Orfeo", Mantua 1607. Schalmei, Altpommer, Tenorpommer, 2 Renaissanceposaunen

Tilman Susato: La Battaille aus: „Dansereye", Antwerpen 1551. 3 Krummhörner, Renaissanceposaune

Hugh Ashton: Hugh Ashton‘s Maske. Manuskript, Oxford um 1530. 4 Renaissanceblockflöten

Anonymus: Bruder Conrads Tantzmass aus: P&B Hessen, „Etlicher gutter Tentz", Breslau 1555. Alt-, Tenor- und Großbass-Dulzian, Renaissanceposaune

Ludwig Senfl: „Ach Elslein, liebes Elselein mein“ aus: Hans Ott, "Hundert vndainundzweintzig newe Lieder“, Nürnberg 1534. 5 Renaissanceblockflöten und 2 Renaissanceposaunen

Copyright, Aufnahme und Bearbeitung: Gerhard Grapp, tgf records

Eine DVD mit der vollständigen Aufnahme des Konzertes ist bei den Ensemblemitgliedern erhältlich.

Zur Bläsermusik der Renaissance

Von Dr. Barbara Neumeier

„[…] zu jr herberg Erlichn gelaitt, mit Busanen, pfeiffen und trumeten, allerlay saitenspiel ward nit gespart.“

„[…] Busanen, Trumeten, und allerlay Instrumenten der Musica, so yemands erdencken mocht.“

(aus den Beschreibungen des Augsburger Reichsstages 1518, vgl. Curt Sachs, Musik und Oper am kurbrandenburgischen Hof, S. 21)

Als Bewohner einer Stadt des 15. und 16. Jahrhunderts war man umgeben von Klängen: Alltagsgeräusche wie das geschwätzige Treiben auf dem Markt, fahrende Händler, die ihre Waren anpriesen, Handwerker, die klopfen, bauen und schmieden, berittene Kaufleute, die durch die Stadt ziehen, spielende Kinder, Gaukler oder Schauspieler. Dabei war die Musik omnipräsent. Das Läuten der Glocken, Sänger in der Kirche, aber auch das Spielen von Instrumenten im weltlichen und geistlichen Bereich verliehen jeder Stadt ein einzigartiges Klangbild, einen „urban soundscape“, wie man heute sagen würde…

Beim Einzug eines Herrschers oder eines adligen Besuchers erklangen Blasinstrumente, Festlichkeiten oder politisch-religiöse Zusammenkünfte wie beispielsweise Reichsstage oder Konzile wurden von den angestellten Bläsern, den Stadtpfeifern oder Mitgliedern einer Hofkapelle umrahmt. Man geleitete in festlichen Umzügen und Prozessionen zu freudigen Ereignissen, aber auch zu Trauerfeiern mit blasender Musik durch die Stadt, man führte in die Kirche – in Spanien gab es sogar eigens ange-stellte Bläser an Kathedralen, die Ministriles, die auch im Gottesdienst neben Orgel und Chor die liturgische Musik übernahmen. Auch zum Anzeigen einer Gefahr, wie Feuer oder Angriff, waren es die Turmbläser, die als Wachposten fungierten und mit Signalen Informationen an die Bevölkerung weitergaben. In einer Zeit ohne Handy oder Terminplaner waren es genau diese Musiker, die über wichtige Ereignisse, das Ende und den Beginn der Arbeitszeit und jahreszeitliche Gegebenheiten wie Ernte, Aussaat u. ä. Auskunft gaben.

Ein Blasinstrumentenspieler dieser Zeit erlernte seinen Beruf wie ein Handwerker, im Lehrverhältnis, organisiert in Gilden und Zünften. Die Lehrzeit dauerte, wie auch in den Bildenden Künsten ca. 6 Jahre. Vom Lehrjungen, der am Anfang nur mitlaufen, Instrumente säubern und zusammenpacken durfte, bis zu einem angesehenen Bläser in Lohn und Brot eines Dienstherren war es ein weiter Weg – Kenntnisse des Notenlesens, des zu spielenden Repertoires und der Instrumente waren wichtige Voraussetzungen der Lehr- und Wanderjahre.

Dabei war die Vielfalt an Instrumenten im 16. Jahrhundert sehr groß: die Fortschritte im Instrumentenbau und die aufblühende Instrumentalmusik waren Faktoren, die sich bedingten und eine rasante Entwicklung der Blasinstrumente begünstigten. Zahlreiche organologische Lehrwerke kamen auf den Markt, um die Instrumente zu systematisieren und wissenschaftlich erörterbar zu machen. Das wohl berühmteste Lehrwerk wurde 1619 von Michael Praetorius unter dem Namen „Syntagma musicum“ in Wolfenbüttel veröffentlicht. Dort beschreibt er detailliert verschiedene Instrumentenfamilien:

 Pommern

„Pommern (Italicè Bombardo, oder Un Bombardone, die Franzosen nennen es Houtbois, die Engelländer Hoboyen) haben ihren Namen ohn allen zweiffel à bombo, vom Summen und Brummen […]“

Als Pommern werden die Vorläufer unserer heutigen Oboeninstrumente bezeichnet. Das Sopraninstrument trägt den Namen „Schalmei“, die tieferen Instrumente werden in verschiedenen Stimmgrößen, als Alt-, Tenor- und Basspommer gebaut. Sie werden direkt mit einem Rohrblatt angeblasen und dienen als Vertreter der „alta capella“, der lauten Musik, die vornehmlich im Freien, aber auch in Festsälen und Kirchen erklang.

Dulziane

„Fagotten und Dolcianen (Italis Fagotti & Dolcesuono) […] sind an der Tieffe / so wol auch am Resonanz / […] den Pommern gleich / allein / daß der Dolcian […] stiller und sanfter am Resonanz seyn / als die Pommern: Daher sie dann / vielleicht wegen ihrer Lieblichkeit / Dolcianen quasi Dolcesun antes genennet werden. Welches dan daher rühret / dieweil die Corpora der Pommern die rechte lenge gleich auß haben / und unten ganz offen seyn: an den Fagotten aber ist die lenge des Corporis doppelt zusammen gelegt / daß das Loch / do der Resonanz herausser gehet / oben ist / und bißweilen […] zugedackt […]“

Die Dulziane stellen die Vorfahren unseres heutigen Fagotts dar. Sie werden ebenfalls als Instrumentenfamilie gebaut (also in einem ganzen Satz), klingen etwas weicher und sanfter als die Pommern und ihre Röhre ist geknickt, sie haben also nur die Hälfte der Länge; somit sind sie handlicher und wurden oft bei Prozessionen als Bassinstrument anstelle des großen Basspommers im Gehen benutzt.

Blockflöten

„Blockflöten (latinis Fistula, so von den Italianern Flauto, von den Engelendern Recorder genennet werden) haben durch alle Stimmen in jedem Corpore sieben Löcher fornen / und eins hinten.“

Wie alle anderen Instrumente wurden auch die Blockflöten als Instrumentenfamilie gebaut, hier sogar noch mit zwei Instrumentengrößen unter dem Bass: Großbass und Subbass, eine „Kontrabassflöte“, die knapp zwei Meter lang ist. Wir spielen auf Nachbauten eines Satzes (wahrscheinlich) des Instrumentenbauers Hieronimus Bassano, der heute im Musikinstrumentenmuseum Wien ausgestellt wird.

Krummhörner

„Die Krumbhörner (Lituus, Italis Storti, Cornamuti torti) werden nicht mit diesen Röhren [Rohrblättern] geblasen / sondern haben gleich wie bei den Cornamusen […] / oben uber den Röhrlin sonderliche Capsulen, darumb man sie dann auch destoweniger zwingen / und im Thon nachzugeben nicht sonderlich helffen kann.[…] Und ist hierbei auch zu mercken / dass die […] Krumbhörner keinen Thon mehr von sich geben können denn als die Zahl der Löcher mit sich bringet; aber die Pommern / Schalmeien / Fagott / Dolcianen […] können alle umb etliche Thon höher […] gebracht und intonieret werden.“

Mit schnarrendem Klang werden diese exotischen Instrumente zu „Dinosauriern“ der Musikgeschichte, die keine Weiterentwicklung in moderne Orchesterinstrumente fanden. Im Umfang von gut einer Oktave sehr limitiert, eignen sie sich zum Spielen von Tanzsätzen, aber auch lustigen Trink- und Alltagsliedern. Das Instrument mit aufgeblasenen Backen zu spielen, galt in früheren Zeiten als „derb“ und wurde als „Teufelswerk“ bezeichnet, ähnlich des Spielens eines Dudelsackes. So hielten diese Instrumente nur begrenzt Einzug in höfische Musizierkontexte.

Cornamusen

„Die Cornamuse sind gleich aus / und nicht mit doppelten / sondern mit einer einfachen Röhre / […] aber unten zugedackt / und uff der seiten herumb etliche löcherlein / dadurch der Resonanz herausser gehet. Am klang seynd sie gar den Krumbhörnern gleich / nur dass sie stiller / lieblicher und gar sanft klingen […]“

Beim Bauprinzip der Krummhörner folgend, stellen die Cornamusen die „sanfteren“ Vertreter der Windkapselinstrumente dar. In ihrer geraden Bauform wurden sie vornehmlich im häuslichen Musizierkontext eingesetzt und waren oftmals Teil der leiseren Musik, der „bassa capella“, auch im Zusammenspiel mit Streich- und Zupfinstrumenten.

Posaunen

„Es ist aber sonderlich dieses Instrumentum Musicum, (Posaun) vor anderen blasenden Instrumenten uberall / in allerley Consorten und Concerten wol zu gebrauchen / Sintemal es nach allerley Tonen, umb etwas höher oder niedriger / nicht allein durch aufsteckung und abnehmung der Krum-Bügel / (Cromette) und andern aufsteckelß Stücken / (Polette genand) /sondern auch mit dem Mund unnd Winde / ohne auffsteckung der Krum-Bogen / allein durch den Ansatz und Mundt-Stück / von einem geübten und erfahrnen Künstler / nach seinem gefallen / per tonos & semitonia gezwungen und gebraucht werden kann: welches sich auf andern Instrumenten, deren Löcher mit den Findern geregiret werden müssen / nicht thun lasset.“

Die Posaune hat sich in ihrem Bauprinzip bis heute kaum verändert. Posaunen, die es von der kleinen Diskantposaune bis zur Bassposaune ebenfalls als ganzen Satz gab, stellen die klanglich und tonartlich flexibelsten Blasinstrumente der Zeit dar. Je nach Können des Spielers sind die Möglichkeiten des Zusammenspiels schier unbegrenzt: als Teil der lauten „alta capella“ mit Pommern, als Teil eines Dulzianconsorts, dem sie eine wunderbar sanfte Klangfarbe verleiht, oder auch als Teil der leisen Töne, der bassa capella mit Blockflöten – sogar ein Zusammenspiel mit Laute ist überliefert. In eng mensurierter Bauform klingen die Renaissanceposaunen „schlanker“ und weicher als die modernen Posaune des Orchesters.

Die Zuordnung der Instrumente zum überlieferten Repertoire gestaltet sich aus heutiger Sicht recht schwierig. Anders als in der modernen Besetzungspraxis, in der man genaue Orchestrierungsangaben findet, gab es in der Zeit der Renaissance bis auf ganz wenige Ausnahmen keine direkten Instrumentierungsangaben. So geschieht die Auswahl heutzutage über andere historische Zeugnisse wie Aktenvermerke, Beschreibungen von Festlichkeiten, Kirchenordnungen, Inventarlisten oder Tagebuchaufzeichnungen z. B., als Spurensuche nach der Musik, die Ensembles mit Blasinstrumenten spielten.

Unser heutiges Programm bildet dabei facettenreich die Bläserpraxis der Zeit ab: Instrumentalsätze, die Schlachten beschreiben, ein Abbild der Kriege und Bedrohungen der Zeit, die stets Einzug in den Alltag fanden, Tanzsätze, die zu Bällen und Empfängen an Adelshöfen erklangen, Festmusiken zu Einzügen von Herzögen und anderen Würdenträgern in eine Stadt, Lieder, die von Freud und Leid der Zeit berichten, die so bekannt waren, dass man sie auch ohne Sänger aufführen konnte, prunkvolle, mehrstimmige Instrumentalstücke, die man auf verschiedenen Emporen großer Kirchen, beispielsweise des Markusdoms in Venedig zur Ehre Gottes aufführte …